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Eine große Gruppe von Bildern zeigen Hilmar Röners Interesse und Affinität zur surrealen Malerei. Die "Luftschiffe" sind inzwischen bereits zu einer Art Markenzeichen von ihm geworden. Der Betrachter fühlt sich unversehens in Traumbilder hineingezogen. Fliegende Schiffe in unterschiedlicher Bauweise, mit und ohne Segel, mit und ohne Ballon, fliegen von uns weg in ungewisse Weiten. Die dargestellten Schiffe wären in der Realität nicht fahrtauglich und die Landschaften sind fast immer reine Phantasieprodukte, aber das ist unerheblich. Eine Ausnahme bildet hier übrigens nur das Luftschiff im Siebengebirge. Den meisten von uns ist die Ansicht mit Drachenfels und Rheintal sicherlich vertraut, im Zusammenhang mit dem Luftschiff wird eine Stimmung erweckt, die uns auffordert, das Vertraute neu zu sehen und zu entdecken.
Ein Merkmal der surrealistischen Malerei ist die Arbeit mit Versatzstücken, die zwar bekannt und oft gewöhnlich sind, die aber in der Kombination miteinander und in ihrer Umgebung unerwartet und oft absurd erscheinen.
Der Surrealismus der zwanziger und dreißiger Jahre ist kein Kunst- Stil, sondern ein Lebens- Stil gewesen. Er entstand aus dem Bedürfnis, die als Scheinordnungen verstandenen Fixierung unserer logisch eingereihten Erfahrungen und das daraus sich ergebende Bild von Wirklichkeit abzuschütteln und durch bestimmte befreiende Verfahren in ein anderes und weiteres Erfahrungsgebiet zu gelangen.. (Diese und einzelne folgende Passagen nach Werner Haftmann, Malerei im 20. Jahrhundert.)
Einer der maßgeblichen Poeten der Surrealisten, Andre` Breton, sagte: " Es kommt darauf an, die bisher widersprüchlichen Bedingungen von Traum und Wirklichkeit aufzulösen, in eine Super- Wirklichkeit."
Ausgangspunkt der Surrealisten war, dass der Rationalismus nur ein vergleichsweise enges Gebiet unserer Erfahrung in Betracht zu ziehen verstand, das, durch das Logische gegliedert und beherrscht, als ganze Wirklichkeit gesetzt wird. Gegenüber dieser Weltkonstruktion der Vernunft aber besteht eine andere, nicht weniger wirkliche Welt aus Vorstellung, Phantasie und Ahnung, die sich ebenso als Wirklichkeit zu definieren wünscht, durch das Rationale und Logische aber daran gehindert wird. Der Versuch müsse dahin zielen, diese erweiterete und ganzheitliche Erfahrungsebene für den menschlichen Entwurf von Welt nutzbar zu machen. Dichter und Künstler als die eigentlichen Verwalter der Domäne des Unbewussten zu entdecken.
Einer der wichtigsten Zugänge zu den dunklen, dem logischen Verfahren des Intellekts verschlossenen Regionen des Unbewussten und seines verschütterten Bildvorrats ist der Traum. Im Traum stellt sich die Logik die beängstigende Frage der Möglichkeit überhaupt nicht, da herrscht eine Leichtigkeit und Schwerelosigkeit, die keiner Erklärung bedarf.
Salvador Dali repräsentiert, ebenso wie Max Ernst einen Surrealismus des magisch gemachten Gegenständlichen. Die Dingerfahrung ist ein zentraler Punkt, Lebloses regt sich, tote Dinge erhalten eine magische Personalität, die Dinge gewinnen ein magisches Sein. Max Ernst wollte, wie er sagte: "Unverfälschte Fundgegenstände ans Tageslicht fördern, deren Verkettung man als irrationale Erkenntnis oder poetische Objektivität bezeichnen kann."
Ähnlich wie Dali würden Hilmar Röners Bilder, wenn man sie einordnen wollte, zum veristischen Surrealismus gehören. Ähnlich auch das Szenarium der unendlich weiten Landschaft. Das Irreale wird mit solchem Realismus geschildert, dass seine Wahrheit und Gültigkeit nicht länger in Frage gestellt werden kann.
Anders als bei Dali werden wir bei Hilmar Röner jedoch nicht die dunkle, groteske und paranoide Seite des absurden hineingezogen. Ein Indiz dafür sind die Personen, die uns in den Bildern begegnen. Sie sind klein, so klein, dass sie zunächst nur als Staffage erscheinen, doch bei längerer Betrachtung bieten sich zahlreiche Möglichkeiten der Deutung und sogar der Identifikation an.
Für den Surrealismus gilt in besonderer Weise, was Thornton Wilder über die Poesie sagte, was aber genauso gut für den Maler gilt: "Die Welt der Dichter ist nicht das Schaffen tieferer Einsichten, sondern dringenderer Sehnsüchte."
Eine große Werkgruppe von Hilmar Röner sind die Aktbilder. Wie auch bei den surrealen Luftschiffen erforscht der Künstler immer wieder und immer weiter dieses Gebiet und entwickelt eigene Methoden und Anschauungen. Gerade bei den Akten ist der Grafiker im Maler zu spüren.
Es beginnt bei den Vorbereitungen für ein Bild. Vom lebenden Modell entstehen in Fotosessions schwarz-weiß Fotos. Sie dienen als Vorlage und Anregungen für die Bilder. Das künstlerische Interesse liegt dabei im zeichnerischen und im Verhältnis der Körperflächen als malerische Formen zueinander.
Inhaltlich sind die Bilder von hintergründigen Stimmungen geprägt. Die Stimmung entsteht dabei vor allem durch die Wahl der Farben, durch Körperhaltung und die Modulation der Körperflächen. Obwohl die Frauen auf Röners Bildern wieder zu erkennen wären, sind es keine Porträts im eigentlichen Sinne, eher Stimmungsporträts. Einige der Dargestellten schauen den Betrachter direkt an, nehmen Kontakt auf. Oft wenden sie sich jedoch ab und scheinen in ihrer kontemplativen Ruhe ungestört sein zu wollen.
Die blauen Akte zeigen den menschlichen Körper in Nahsicht bis hin zur Abstraktion. Sie entwickeln eine Spannung zwischen der starken und kalten Farbe Blau zum weiblich gerundeten Körper. In anderen Bildern wird das Zeichnerische, die Linie stärker herausgehoben und durch eine erdige, bräunliche Farbgebung eine zartere beinahe mediterrane Stimmung heraufbeschworen. In neueren Bildern beschäftigt sich Hilmar Röner besonders mit der Modulation von Licht und Schatten. Die Farbgebung erinnert an eine Art Ton-in-Ton Malerei, die die Stimmung einer alten, bräunlich verfärbten Fotografie hat.
In einer weiteren Reihe von Bildern hat Hilmar Röner die Gegenständlichkeit verlassen. Fasziniert von den organisch wirkenden Formen, die Rost bei seiner zerstörerischen Arbeit hinterlässt, widmet sich der Künstler einem neuen Interessensgebiet.
Röner beschäftigt sich in großen und kleinen Formaten mit dem reizvollen Kontrast zwischen neu und alt in allen Variationen. Er experimentiert mit einer Acrylmasse, der Metall beigemischt wird. Eine hinzugefügte Patina löst Oxidationsprozesse aus, echter Rost entsteht. Durch Beimischungen von Farbe oder auch Sand entstehen weitere Effekte.
Den Gegenpol zum Rost, der das Bild rein quantitativ beherrscht, bildet das Gold. Die mit Blattgold bearbeiteten Teile des Bildes sind eher klein und liegen in der untersten Verarbeitungsschicht. Die Zartheit und Feinheit des Materials steht jedoch im Kontrast zum groben Rost und Sand und wird dadurch umso mehr betont. Die Dynamik der Diagonalen und die fließenden Formen sprengen die Begrenzung des Bildes und rufen Assoziationen mit naturhaften Vorgängen hervor, die, ähnlich wie eine Eruption, schön und bedrohlich zugleich sind. Der Betrachter wird in einen Prozess miteinbezogen, der je nach Leseart unterschiedlich gedeutet werden kann. Bricht das feine Gold wie aus einer sich öffnenden Wunde aus den Tiefen empor oder legt sich der Rost wie ein erkaltender Lavastrom langsam aber unerbittlich über das zarte, wertvolle Edelmetall?
Unter dem Titel "Perspektiven" begegnen wir einem anderen Hilmar Röner, der Stellung bezieht. Eine kleine Figur des gekreuzigten Christus erscheint in immer neuer Umgebung, jeweils hinter Glas und mit breitem Rahmen, fast als sollte eine Objektivität oder zumindest eine gewisse Distanz betont werden.
Christus ist einmal vergoldet mit Barockrahmen, einmal mit Blut überströmt, in Blau, in klassischem Weiß, einmal verrostet, im Zebramuster, vergoldet auf rotem Samt, bespritzt, verpackt a`la Christo oder verkitscht mit Blümchendeko.
Der Titel "Perspektiven" weist darauf hin, wie Hilmar Röner die Christusdarstellungen verstanden wissen möchte. Aber auch ohne diesen Titel erkennen wir den Zusammenhang zwischen Form und Inhalt, vor allem weil das Motiv kaum jedermann unberührt lässt. Gleichzeitig spiegelt sich hier ein kleiner Abriss der westlichen Kunstgeschichte, die ja immer auch Kulturgeschichte ist. Vom mittelalterlich vergoldeten Christus über das klassizistische reine Weiß, vom Pop-Art Christus bis zum zeitgenössischen verpackten Christo-Christus. Die Deutung der einzelnen Darstellungsformen bleibt dem Betrachter überlassen. Provokation ist hier gewollt, jedoch keine Blasphemie, sondern eine tastende Suche nach den eigenen Wahrheiten, die dem Anderen und allen Anderen allen Freiraum lässt. Eine Charakterisierung, die auf das gesamte Werk Hilmar Röners zutrifft.
Gudrun von Schoenebeck/ Kunsthistorikerin |
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